D E R  T R A G U S

- Ohrknorpel -

 

Piercings an der Ohrmuschel gehören zu den eher üblichen, ein außergewöhnliches Piercing am Ohr stellt hingegen des Tragus dar: des kleinen Ohrknorpels direkt vor dem Gehörgang.

 

Den Ohrknorpel niemals mit der Ohrlochpistole durchstechen!

 

Leider wird dieses Piercing immer noch von Unverantwortlichen mit der Ohrlochpistole ausgeführt. Das hat den Gepiercten in den letzten Jahren manche unangenehme Stunde und vielleicht sogar Virusinfektionen eingebracht.

Die Piercing-Pistole, die erfunden wurde, um Kuhohren zu markieren, besteht in ihrem Inneren aus Plastik oder metallverkleidetem Plastik und kann daher nicht sterilisiert werden, denn die hohen Temperaturen im Autoklav verträgt das Material nicht. Das Gerät ist daher der ideale Keimverbreiter. Ihr solltet euch vor Augen halten, daß eine gefährliche Infektion durch die Pistole möglich ist.

Schmerzhafte Entzündungen und Komplikationen beim Heilungsprozeß sind weitere Gründe, dieses Gerät zu meiden. Beim Durchstoßen des Körpers mit der Pistole bleiben zermatschte Gewebereste zurück und werden an die Seite des oftmals stark ausgefransten Stichkanals gedrückt. Eine optimale Brutstätte für Entzündungen verursachende Erreger. Durch die Ablagerung der zerschossenen Körperreste kann sich nur sehr schwer neue, gut verheilende Haut im Stichkanal bilden. Oftmals werden die entsprechenden Stellen nach langer Zeit abgekapselt und bilden einen Knorpel, der für immer im Körper zurückbleibt.

Natürlich gibt es nicht wenige Leser, die Glück hatten, bei denen vielleicht alle durchschossenen Knorpel relativ gut und schnell verheilt sind. Vielleicht hat der eine oder andere sogar schon eine Heptatitis C Untersuchung hinter sich und erfahren, daß er sich diese schlimme Krankheit nicht zugezogen hat. Dieser Umstand rechtfertig es jedoch nicht, das Glück auch in Zukunft immer wieder herauszufordern. Wird aber sauber und mit den richtigen Materialien gearbeitet, ist das Risiko einer Komplikation beim Ohrknorpelpiercing verschwindend gering. Auch beim Tragus.

Allerdings kann der Tragus bei einer wirklich heftigen Entzündung zerstört werden und seine Tragfähigkeit verlieren. Das bedeutet, daß man dann sozusagen ein zweites Ohrläppchen an der Seite des Kopfes hängen hat. Auch dies ist eine seltene Ausnahme.

 

Wundheilung oftmals sehr langwierig

 

Der Ohrknorpel gehört zu den härtesten des Körpers, ist aber gleichzeitig eine heikle Stelle was Wundheilung betrifft. Bis die Haut im Knorpelbereich so stabil ist, daß nichts mehr passieren kann, dauert es in der Regel drei bis sechs Monate, manchmal sogar bis zu neun Monaten - es zählt also zu den langsam heilenden Piercings. Kommt es zu Entzündungen oder anderen Komplikationen, können diese, wegen der speziellen Beschaffenheit des Ohrgewebes, nur schwer bekämpft werden. Schmutz bleibt länger in der Wunde und Heilmittel werden, egal ob innen oder außen aufgetragen, sehr schlecht zur Wunde transportiert. Ist der Ohrknorpel erstmal zerstört, regeneriert er sich nicht mehr, sondern es kommt zum gefürchteten Blumenkohlohr. Zusätzlich ist der Ohrknorpel eine der riskantesten Stellen des Körpers, denn in seiner Nähe verläuft am Schädel eine der Hauptnervenbahnen zum Gehirn. Bei einer Entzündung, könnte diese theoretisch auf diese Nervenbahnen übergreifen und im extremsten Fall sogar zu einer Hirnhautentzündung führen.

Sollte es doch zu einer Entzündung kommen, ist der Schmuck auf keinen Fall selbst zu entfernen, sondern es sollte sofort ein Studio aufgesucht werden.

Die vollständige Neubildung der Haut im Stichkanal nimmt jedoch eine vergleichsweise lange Abheilzeit von bis zu neun Monaten in Anspruch. Was bedeutet, daß in dieser Zeit das Piercing stets gründlich gereinigt und vor allem beim Haarewaschen darauf geachtet werden muß, daß keine schädlichen Stoffe in den Wundkanal eindringen.

Eine Problemgruppe stellen in diesem Fall vor allem die Diabetiker dar, da es bei diesen neben einer schlechten Wundheilung im Ohrlochbereich oft zu Hautkrankheiten kommt, die sich auf den Heilungsprozeß bremsend auswirken können.

 

Wer schön sein will muß leider - auf den Tragus trifft diese Weisheit zu

 

Abgesehen von der teilweise etwas langen Abheilzeit gehört der Tragus nicht nur zu den schönsten, sondern auch zu den schmerzhaftesten Stichen. Vergleichsweise schmerzhaft, schiebe ich nach, denn Schmerz ist ein subjektives Erlebnis. Dadurch, daß sich hinter dem Tragus stets Gewebe in Form der Ohrmuschel befindet, kann man auf keinen Fall einen dynamischen Stich ausführen, wie bei den meisten anderen Piercings. Erst im Verlauf des Stiches merkt der Piercer, wie dicht der ohnehin schon sehr dicke Knorpel aufgebaut ist und mit welcher Kraft er vorgehen muß, ohne die dahinter liegende Ohrmuschel zu verletzen. Generell gilt die Faustregel: je länger ein Stich dauert, umso mehr Schmerz verspürt man.

 

Pflege

 

Der Kunde kann den Heilungsprozeß so optimal wie möglich unterstützen, indem er sich exakt an die Pflegehinweise eines erfahrenen Piercingstudios hält. Er sollte auf gar keinen Fall zu obskuren Hausmittelchen greifen, die bei einer Freundin eventuell geholfen haben, und vor allem den Stichkanal nicht »überpflegen«. Ein häufig zu beobachtendes Phänomen.

Wer sich für ein Tragus-Piercing entscheidet, sollte also zum professionellen Piercer gehen und auf jeden Fall einen großen Bogen um jede Ohrlochpistole machen.

Quelle: Tätowiermagazin

 

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